Renaissance von „BI“ im Enterprise 2.0

16 September 2009

Der Begriff Enterprise 2.0 wurde im Jahre 2006 von Andrew McAfee geprägt . McAfee hat auch eine kurze und griffige Definition geliefert:

Definition Andrew McAfee: Enterprise 2.0 bezeichnet die Nutzung von Social-Software-Plattformen in einem Unternehmen oder zwischen Unternehmen und seinen Kunden und Partnern. („Enterprise 2.0 – The Dawn of Emergent Collaboration” http://sloanreview.mit.edu/smr/issue/2006/spring/06/)

Bei Enterprise 2.0 geht es um das Nutzen und Nutzenkonzepte von Web 2.0 Technologie im Unternehmen, nicht um die Web 2.0 Technologien allein. Enterprise 2.0 erfordert also zum Teil erhebliche Änderungen in der Unternehmenskultur, insbesondere in der Kommunikationskultur, denn die Nutzung von Social-Software-Plattformen bedeutet, dass sie gemeinschaftlich bearbeitet, gepflegt und genutzt werden und zwar als Ergänzung zu den existierenden organisatorischen und technischen Strukturen. 

Bevor wir das diskutieren, sollte man sich klar machen, was hinter dem Begriff Web 2.0 steckt.

Web 2.0 Konzepte. Web 2.0 wird von vielen immer noch als soziale Initiative zur Nutzung des WWW gesehen: Jeder macht mit, ist gleichzeitig Konsument und Produzent. Doch die Web 2.0 Konzepte gehen über die Kommunikation von Mensch zu Mensch im Sinne von YouTube oder Flickr weit hinaus. Schauen wir mal auf Web 2.0 mit anderen Augen.

Der Begriff Web 2.0 geht zurück auf Tim O’Reilly, der den Begriff mit anderen erfunden hat. Gehen wir von seinem fundamentalen Artikel „What is Web 2.0“  von 2005 (http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html?page=1) aus und denken weiter. Da kommen wir zu folgenden Thesen, die Enterprise 2.0 mit Business Intelligence zusammenbringen:

  • Von Applikationen zu Services. Das heißt weg von monolithischen Applikationen, hin zu einer Service-Orientierung. Die Web 2.0 Idee ist, Services für Mash Ups jedem Konsumenten im Web verfügbar zu machen. Per Mash Ups wird der BI-Anwender und Informationskonsument zum Informationsproduzent und so gezielt und kontrolliert in das Managen des Lebenszyklus von analytischen Prozessen und Services eingebunden. Im BI-Umfeld gibt es heute dazu die sogenannten CPM-Toolkits.

    • Beispiel. Eine Datenanalyse bringt vielleicht als Ergebnis ein bestimmtes interessantes Datenmuster, aber eine Visualisierung der Daten zum besseren Verstehen und Interpretieren der Daten erfordert eine Anwendungsprogrammierung durch die IT. Das aber ist entweder gar nicht möglich, weil dazu in der IT die Ressourcen fehlen, oder es ist zu teuer, dauert zu lange oder vermutlich sogar beides. Aber, wenn man per Mashing Up als Informationskonsument selber die Daten in ein Kartierungssystem bringen kann, dann ist eine Visualisierung schnell, einfach und kostengünstig machbar. Das treibt dann die Analyse weiter.

    Volle Flexibilität heißt also das Prinzip. Das ist ja auch der Sinn und Zweck einer SOA. Das Web 2.0 Konzept ist also auch ein SOA Konzept: kollaborative Services werden mit analytischen Services verknüpfbar.

  • Architektur zur Kollaboration. Auch dieses Web 2.0 Konzept überträgt sich voll auf eine SOA. Das Basiskonzept einer SOA, das per Servicelevel-Agreement (SLA) kontrollierte Bereitstellen und Konsumieren von Services, ist ein Kollaborationsmodell par excellence.

  • Nutzung kollektiver Intelligenz. Hier geht es im Original bei Tim O’Reilly erst einmal um den Open Source Gedanken. Aber wenn man etwas weiter denkt und das Web 2.0 Konzept „Jeder macht mit“ auf die Zusammenarbeit IT und Business anwendet, dann werden Anwender zu Entwicklern. Ist das vorstellbar? Ja, das ist heute schon in ausgewählten Bereichen machbar. Business Intelligence hat hier eine gewisse Vorreiterrolle. Bereits in den 80/90iger Jahren sollten  die Anwender ihre Reports und Analysen selber machen. Das war damals nicht unbedingt von Erfolg gekrönt, aber heute greift hier das Web 2.0 Konzept des „Vertrauens in Anwender als Mitentwickler“. Hier kann man auch wieder an die Prinzipien der Mash Ups denken, aber es geht auch um das Arbeiten in Teams, denn BI dient zwar dem Treffen besserer Entscheidungen, aber Entscheidungen werden meistens in Teams getroffen, man spricht ja auch von einem „board room style of decision making“. Hier entsteht die Chance zu einer völlig neuen Kollaboration zwischen IT und Business – allerdings stecken wir hier noch in den ersten Anfängen, aber die eingeschlagene Richtung stimmt.

  • Simple Schnittstellen und Modelle. Light Weight Programming sagt hier Tim O’Reilly. Ein solches „Keep it simple“ ist ein gutes Prinzip, wenn es um Design und Implementierung von Services in einer SOA geht. Simple Schnittstellen, sogar standardisiert, das sind beispielsweise Web Services, ein heute weitgehend praktizierter Weg bei SOA Implementierungen. Das macht im BI das Einbetten von Analytik in Geschäftsprozesse und damit das Anreichern von Prozessen durch Intelligence einfacher denn je.

  • Medienübergreifende Software. Das passt auf eine SOA. Hier kommt alles zusammen. Jetzt wachsen per SOA die bisher so unterschiedlichen IT-Disziplinen wie Business Intelligence, Geschäftsprozess-Management, Document Management, Office etc. zusammen. Das ist im BI ein entscheidendes Element, denn BI sollte nicht nur strukturierte Informationen auswerten, sondern besonders in der Kombination mit unstrukturierten Informationen können sich völlig neue Einsichten ergeben. Textanalytik bildet sich gerade als neue Disziplin im BI-Umfeld heraus.
       
  • Der Long Tail Effekt. Auch das Web 2.0 Konzept des Erreichens des "Long Tail" mittels Communities ist ein Prinzip, das sich in einer SOA  wiederfindet, wenn man das Konzept von „Software as a Service“ (SaaS) mit einer SOA verbindet. Dann kann man den Long Tail Effekt als die Business Opportunity sehen, solche Services in einem Geschäftsmodell erfolgreich zu nutzen, denn im WWW lassen sie sich besser finden. Genutzt wird das heute beispielsweise von Google und eBay. Aber bis das Einzug in die Unternehmens-IT findet, muss noch einiges in Sachen Sicherheit und Zuverlässigkeit getan werden.

Die Web 2.0 Konzepte ermöglichen so eine neue Form der Kollaboration und der Kommunikation. Sie stellen in der Tat weitreichende kollaborative Services in einer SOA zur Verfügung.

Enterprise 2.0 und Business Intelligence. In einem Unternehmen brauchen wir Industrialisierung, Agilität und Compliance. Wir hatten auch schon auf die gegensätzlichen Stoßrichtungen von Industrialisierung und Agilität hingewiesen. Industrialisierung meint Automatisierung und Standardisierung, während Agilität insbesondere auch für Kreativität und Innovation steht. Die Konzepte einer Serviceorientierung im Sinne eines Kollaborationsmodells bringen diese beiden Gegensätze zusammen. Das hatten wir bereits technisch diskutiert. Mit dem Nutzen von Web 2.0 Konzepten als kollaborative Services kommt nun auch eine soziale, menschliche Komponente dazu.

  • Fallbeispiel: Einführung einer Online-Zeitung als web-basiertes, intelligentes Reporting. (Quelle GmbH, Sieger BI Award 2008 der CeBIT 2008) Die Jury begründete ihre Entscheidung mit dem innovativen Vorgehen bei der Realisierung und den neuartigen Ansätzen des Wissensaustausches, wie sie aus dem Web 2.0 bekannt sind. Quelle hat mit der Integration von Bildern, Textelementen und klassischen Kennzahlen eine anwenderfreundliche und innovative Lösung geschaffen. Die Nutzung eines Wikis zur Definition von Kennzahlen und Wissenssammlung zur richtigen Interpretation von Berichten und Analysen sorgt für hohe Anwenderakzeptanz. Die Lösung von Quelle liefert nicht nur reine Zahlen, sondern macht Inhalte und Nutzen des Berichtswesens für jeden Anwender transparent. (aus: is report, http://www.isreport.de/index.php?id=779)
Das zeigt uns die Richtung, in der wir uns mit BI im Enterprise 2.0 bewegen müssen, um als Marktsieger zu bestehen. Alte, bekannte Probleme im Umgang mit BI lassen sich in einem Enterprise 2.0 anders angehen und entsprechend der Enterprise 2.0 Prinzipien lösen:

  • Alles hängt von den Mitarbeitern ab. Das Mitmachen der Mitarbeiter muss gefördert werden. Eine Moderation der Kommunikation ist sehr hilfreich wie das Fallbeispiel zu Quelle GmbH gezeigt hat.
  • Mit konkreten Anreizen können Mitarbeiter dazu motiviert werden, sich aktiv am Aufbau und der Belebung der Anwendungen zu beteiligen. Das kann unter anderem durch Prämien für intensive Mitarbeit oder durch die Bewertung von Inhalten durch die Nutzer geschehen.
  • Um die anfängliche Hemmschwelle bei den Nutzern aufzuweichen, können ganze Anwendungen in die Enterprise 2.0-Umgebung verlagert werden. Damit kommt die  „kritische Masse“ von Informationen und Teilnehmer, die für einen Erfolg nötig sind, zustande. Quelle GmbH hat das mit dem Reporting per Online-Zeitung erreicht.
  • Starke Motivation für ein aktives Engagement ist vielfach die persönliche Reputation des Mitarbeiters. Anonyme Beiträge sollten nicht zugelassen werden.
  • Das Management muss seinen Mitarbeitern Vertrauen entgegen bringen. Die Kontrolle der Gemeinschaft ist nicht zu unterschätzen. Das ist ein ganz wesentliches Web 2.0 Konzept. Mut zur Offenheit muss sein!
  • Eine einfache, schnell verständliche und leicht lernbare Oberfläche ermöglicht es Mitarbeitern mit unterschiedlichem Wissensstand, sofort und ohne Umwege, am System teilzunehmen. Quelle GmbH hat das mit einer intuitiven Visualisierung geschafft.

Fazit: Jedes Unternehmen sollte die Einbeziehung der Web 2.0 Konzepte in Betracht ziehen und auch, wie man so ein Enterprise 2.0 bauen kann. Denn Enterprise 2.0 bietet die Chance Industrialisierung mit Innovation und Kreativität zu vereinen. Es bietet die Chance durch das Konzept des „Jeder macht mit“ Wissenspotentiale im Unternehmen zu erschließen, die sich sonst nicht so einfach aktivieren lassen. Insbesondere kann eine Enterprise 2.0 Initiative eine Renaissance von BI bewirken, da sich so BI mit Wissensmanagement verbinden lässt und man dadurch die Benutzerakzeptanz deutlich steigern kann.

Quelle: Martin, W. (2009): Performance Management und Analytik – Business Intelligence trifft Business Process Management, White Paper, 89 Seiten. Kostenloser Download auf http://www.wolfgang-martin-team.net/content/html/b_i_dt.htm


SOURCE: Renaissance von „BI“ im Enterprise 2.0

  • Wolfgang MartinWolfgang Martin
    Dr. Wolfgang Martin ist ein europäischer Experte auf den Gebieten BI/CPM (Business Intelligence/Corporate Performance Management, Business Integration (Business Process Management, Enterprise Information Management), SOA (Service Oriented Architecture), CRM (Customer Relationship Management)
     
    Sein Spezialgebiet sind die Wechselwirkungen technologischer Innovation auf das Business und damit auf die Organisation, die Unternehmenskultur, die Businessarchitekturen und die Geschäftsprozesse. Er ist iBonD Partner (www.ibond.net), Ventana Research Advisor (www.ventanaresearch.com) und Research Advisor des Instituts für Business Intelligence der Steinbeis Hochschule Berlin (www.i-bi.de). The InfoEconomist zählte ihn in 2001 zu den 10 einflußreichsten IT Consultants in Europa.

    Dr. Martin ist unabhängiger Analyst. Vor der Gründung des Wolfgang MARTIN Teams war Dr. Martin 5 ½ Jahre lang bei der META Group, zuletzt als Senior Vice President International Application Delivery Strategies.  Darüber hinaus kennt man ihn aus TV-Interviews, durch Fachartikel in der Wirtschafts- und IT-Presse, als Autor der Strategic Bulletins zu den Themen BI, SOA, EAI und CRM (www.it-research.net) und als Herausgeber und Co-Autor von Büchern.
    Mehr auf www.wolfgang-martin-team.net

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