Information-led Transformation – IBMs grüne Wiese oder wie weit helfen kommerzielle Datenmodelle?

7 Oktober 2009

IBM hat seit 2006 rund 10 Milliarden US Dollar in die Information Management Sparte investiert, die letzte Akquisition von SPSS nicht mitgerechnet. Bei dem riesigen Angebot an Software, aber auch Hardware und Services wird es zunehmend schwieriger den Überblick zu bewahren. Kann IBM den Beweis der Umsetzbarkeit für gewachsene Unternehmensrealitäten von Großunternehmen, sowie Kosteneffizienz für mittelständische Unternehmen liefern und welchen Beitrag leisten dabei die branchenspezifische Datenmodelle?

Im Jahre 2006 stellte Ambuj Goyal das Konzept des Information on Demand vor, das zum Ziel hat, Unternehmen die notwendige Infrastruktur zu liefern, um Unternehmensinformationen zur richtigen Zeit, in der richtigen Form und in einer guten Qualität zu liefern. Dieses Konzept wurde 2008 um die Information Agenda erweitert, die den Unternehmen eine Fokussierung weg von einzelnen Applikationen hin zu einer integrierten Informations-Strategie empfiehlt. Nur auf Basis einer solchen Strategie könne man erfolgssichernde IT-Fahrpläne entwickeln. So erstreckt sich die Darstellung des IBM-Angebotes neuerdings konsequenterweise weit über das Software- und Hardware-Portfolio des Herstellers hinweg. So gehören Information Accelerators (über 140 branchenspezifische Blaupausen und Schablonen zur Unterstützung des Business Performance Managements), Information Agenda Guides & Workshops sowie Hilfe beim Aufbau des benötigten „Information On Demand Competency Centers“ angeboten, allesamt eher Service-orientierte Angebote. Details dazu finden sich in meinem Bericht zu IBMs Information-on-Demand-Konferenz im Oktober 2008.


Business Optimization anstatt Business Automation
So wird Big Blue denn auch nicht müde zu propagieren, dass neue IT-Investitionen in das sogenannte business optimization, die Informations-getriebene Optimierung der Geschäftsprozesse, mehr als doppelt so hohe Wachstumsraten aufweisen als die in das business automation, also die Schaffung von Applikationen zur reinen Automatisierung dieser Prozesse. Das neue IBM Buzzword hierzu ist „Information-led Transformation“. So können laut dem Hersteller in der heutigen Zeit Unternehmen sich nicht nur durch IT-unterstützte Automatisierung ihres Geschäftes an die Weltspitze bewegen. Vielmehr entstehe wirkliche Effizienz durch Optimierung jeder Entscheidung, Transaktion oder Prozess direkt im Moment des Geschehens. Das heißt Neu-IBMerisch auch Mikro-Optimierung im Gegensatz zur klassischen Makro-Optimierung.



Abbildung 1: Informations-getriebene Transformation zur Unterstützung einer Makro-Optimierung (Quelle: IBM)


Gemeint ist, dass Unternehmensinformationen als Herzstück eine echt-Zeit Analytik ermöglichen sollen. Dabei erfolgt die Analytik automatisch im Hintergrund der operativen Prozesse und bedarf daher keines Expertenwissens. Somit wird es auch für den Agenten im Call Center anwendbar. Die Idee ist nicht wirklich neu, werden Ansätze zum operationalen Business Intelligence bereits seit einigen Jahren von Experten und Herstellern propagiert. Wobei es aber sehr unterschiedliche Qualitäten des operationellen BI zu unterscheiden gilt. IBM propagiert dabei eine umfassende, end-to-end Automatisierung der Analyse von aktuellen Geschäftsinformationen in echt-zeit dar, und zwar optimiert für die verschiedensten Anwenderrollen und Geschäftsprozesse. Das Ziel entbehrt nicht eines gewissen Ehrgeizes, zumal nur wahrlich integrierte System- und Datenlandschaften auf Basis einer gewissen State-of-the-Art Technologie das wirklich leisten können.


Technologie für echt-Zeit Analytik
IBM fühlt sich optimal aufgestellt, Kunden bei der Erreichung dieses Ziels zu unterstützen. Das Lösungsportfolio des Information Managements ist dank der Investitionen von mehr als 10 Milliarden Dollar immens gewachsen und auch bereits in Teilen zusammen gewachsen. Hierzu gehören unter Anderem bekannte Angebote wie InfoSphere Warehouse, der Information Server und  das Cognos BI und Performance Management Portfolio. Um aber wahrlich real-time agieren zu können bedarf es laut IBM zusätzlicher Technologien, die erst eine entsprechende Analytik von zum Teil sehr großen Datenmengen „just in time“ ermöglichen. Hier nennt der Hersteller beispielweise InfoSphere Streams, InfoSphere CD und SolidDB, wie auch die derzeit in der Forschung befindliche „real-time Fraud Analytics“. Aber vor allem auch SPSS, deren Akquisition noch nicht abgeschlossen ist, würde einen signifikanten Beitrag leisten können. So wurde vor allem die parallele Technologie herausgestellt, die es SPSS ermöglicht Modelle (bspw. zum Scoring von potentiellen Neukunden oder Vorhersage des aktuellen Bedarfs von Bestandskunden zwecks individueller Angebote) quasi „on-the-fly“ auf Basis aktueller Informationen neu zu berechnen. Das galt bislang als eine Aktivität, die nur nachts im Batch durchführbar war, was aber in manchen Fällen eine nicht akzeptable Latenz der Modelle darstellte, die deren Einsatzmöglichkeiten schmälerte.


Integration durch einheitliche Datenmodelle
Dennoch: Bei Kunden zeigt sich immer wieder, dass Altsysteme hier Grenzen aufzeigen. Projekte beweisen zudem, dass vor allem fehlende Informationsintegration den Unternehmen an der Umsetzung einer „mikro-Optimierung“ ihres Geschäftes hindern. IBM verweist hier auf Services und Lösungen, die über Jahrzehnte in ihren Projekten entwickelt wurden und 17 Industrien umfassen. Hierzu gehören Branchen-spezifische wie auch –übergreifende analytische Lösungen.





Abbildung 2: Überblick Brachen-spezifische wie auch -übergreifende Angebote der IBM im Bereich analytischer Anwendungen (Quelle: IBM)


Zum Leben werden diese Lösungen aber erst erweckt, wenn sie mit Unternehmensinformationen gefüttert werden. Das geschieht wiederum auf Basis der zugrunde liegenden Datenmodelle, die eine einheitliche Nomenklatur liefern und damit eine übergreifende Nutzung sicherstellen sollen. Sie sollen die Umsetzung vereinfachen und die applikationsübergreifende Integrationsfähigkeit sicherstellen. Können aber extern erschaffene Datenmodelle tatsächlich gewinnbringend auf einzelne Unternehmen übertragen und gleichzeitig darin individuelle Anforderungen abgebildet werden, die die Besonderheit eines Unternehmens ausmachen und damit auch die Wettbewerbsvorteile sicherstellen? Lässt sich eine gewachsene Anwendungslandschaft eines Unternehmens mit vielen eigenen, isolierten Datenmodellen tatsächlich mit solchen Lösungen verbinden?


Taugt der Erfolg auf der grünen Wiese …
IBM verweist auf einen Referenzkunden aus Indien, Bharti Airtel, einen Anbieter von Kommunikationsservices aus Bereichen wie Media, Telekommunikation und Unterhaltung. Das Unternehmen kann derzeit auf über 100 Millionen Kunden verweisen mit einem Wachstum von 2,5-3 Millionen Kunden pro Monat. Es werden rund 3 Milliarden CDRs (call detail records) pro Tag verarbeitet. Nur durch eine integrierte Systemlandschaft und vor allem durch „micro-optimization“ werde das Unternehmen in die Lage versetzt, die Erwartungen ihrer Kunden hinsichtlich individualisierter Dienstleistungen erfüllen zu können. So bekommen die rund 20 Tausend Call-Center Agenten individualisierte Hinweise zum aktuell bedienten Kunden mit Hilfe von echt-zeit Analytik zugespielt. Im umkämpften Telekommunikationsmarkt sei vor allem die Analyse und Vorhersage von möglichen Kundenabwanderungen ein Schlüssel zur langfristigen Kundenbindung. Bharti Airtel ermöglicht mit Mikro-Optimierung die Versorgung von Kunden mit individuell angeforderten Services direkt auf ihren Endgeräten, bspw. mittels GSM oder USSD. Hierzu gehören Mobiltelefone, aber auch PCs und Fernsehen. Auch die Bereiche Finanzanalyse und Supply Chain Management (Bharti Airtel arbeitet mit rund 100 externen Partnern zusammen) werden durch entsprechende Analytik unterstützt. Ohne entsprechende IT-Unterstützung auf Basis einheitlicher Geschäftsinformationen und einer integrierten Anwendungslandschaft und wäre das Geschäftsmodell nicht betreibbar. Nach Aussage des Kunden sichern gerade die End-to-end Lösungen der IBM die Flexibilität, die sie benötigen um ihre Geschäft dynamisch wachsen zu lassen. Aber Integration von Legacy-Systemen und sonstigen Altlasten? Bei Bharti Airtel wohl eher Fehlanzeige. Das Unternehmen wurde erst im Jahre 2005 gegründet und konnte ihre IT quasi auf der grünen Wiese bauen. Insofern als Referenz für die Nutzbarkeit von Standard-Datenmodellen in gewachsenen Umgebungen nicht so richtig geeignet.


… auch als Referenz für gewachsene Umgebungen?
Dass ein Unternehmensdatenmodell Vorteile für die Systemintegration mit sich bringen kann, wurde bereits vor 20 Jahren propagiert. Die meisten Initiativen sind aber aufgrund ihrer Komplexität und mangelnden Nutzen eingestellt worden. Mit den zwischenzeitlich verfügbaren, kommerziellen Datenmodellen bekommt die Diskussion neuen Aufwind. Nicht nur die IBM positioniert sich hier. Auch andere führende Anbieter im Segment des Informationsmanagements wie beispielsweise Oracle, SAP und Teradata warten mit entsprechenden Angeboten auf. Ohne Zweifel hilft ein vorgedachtes Modell die Aufwände zur (Erst-)Erstellung in Grenzen zu halten. Sind aber extern entwickelte Nomenklaturen geeignet, die gewachsenen, heterogenen Begriffswelten eines Unternehmens zu vereinheitlichen und die Basis für ein akzeptiertes Informationsmodell zu bilden? Ermöglichen sie auch die Abbildung und Integration von Daten aus Ist-Systemen in einer adäquaten Art und Weise? Lässt sich Standardsoftware integrieren oder taugen gar die Datenmodelle solcher Lösungen selbst als Basis der Integration, wie es etwa Anbieter von ERP Systemen gerne sehen? Ich habe bei Kunden sehr unterschiedliche Erfahrungen beobachten können. Inwiefern man aus diesen Lösungen einen Mehrwert für das Unternehmen ziehen kann, hängt von der Ausgangssituation, vor allem aber auch mit der Erwartungshaltung zusammen. Nicht alle verbreiteten Erwartungen können durch ein Datenmodell erfüllt werden. Sicher spielt Technologie eine gewisse Rolle, aber es bedarf auch das Leben einer einheitlichen, integrierten Informationswelt in der Organisation und damit auch im Geschäftsalltag. Das betrifft sowohl Planung für als auch Projektierung, Konzeption und Umsetzung von Informationsintegration in dispositiven wie auch operativen Systemen. Was sind Ihre Erfahrungen? Ich freue mich auf Ihr Feedback.

Experten-Channel Jacqueline Bloemen


  • Jacqueline BloemenJacqueline Bloemen

    Jacqueline Bloemen ist Geschäftsführerin der BeKS (Business eKnowledge Solutions) sowie Senior Analystin Data Warehousing und Business Intelligence für BARC (Business Application Research Center).

    Als Beraterin und Coach unterstützt sie seit rund 20 Jahren Unternehmen verschiedener Branchen und Größen bei der IT Strategie- und Architekturentwicklung für Business Intelligence, Data Warehousing und Datenintegration. Hierzu zählen auch Technologie- und Architekturauswahl, Projektplanung und Durchführung basierend auf Best Practices, sowie Performance Optimierung für komplexe und umfangreiche Datenmanagementlösungen. Neben den umfangreichen Erfahrungen mit BI-Systemen und deren Implementierung unterstützt sie als langjährige Beobachterin und Beraterin des BI-Softwaremarktes internationale Anwendergemeinden mit Vorträgen, Erfahrungsberichten und Studien.

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